Erklärungsversuche für die Protonet-Insolvenz

geschrieben am 09.02.2017

Wenn der Traum vom Startup zerplatzt. Protonet meldet Insolvenz an.

Wenn der Traum vom Startup zerplatzt. Protonet meldet Insolvenz an.

Die Nachricht traf die Startup Szene wie ein Hammerschlag: Protonet, das Startup des Jahres 2013 und der zweifache Weltrekordhalter im Crowdfunding, hat am Dienstag beim Amtsgericht Hamburg Insolvenz angemeldet. Die knall-orangefarbenen Boxen aus der Hansestadt Hamburg sind – es sei denn, es findet sich ein Investor – ein Ding der Vergangenheit.

Es ist traurig zu lesen, dass Protonet es nicht geschafft hat, ein finanziell nachhaltiges Geschäft aufzubauen. Nicht nur die Hansestadt Hamburg wird seinen Shootingstar vermissen, sondern die gesamte deutsche Startup Szene. Mit Protonet verliert Deutschland eines seiner visionäresten Startups. In Zukunft werden die Berliner Fließbandstartups aus dem Hause Rocket Internet die deutsche Gründerszene noch ein bisschen mehr dominieren als sie es sowieso schon taten.

Man muss Protonet und seinem Geschäftsführer Ali Jelveh dafür dankbar sein, die Themen „private Cloud“ und „Datenhoheit“ nicht nur thematisiert, sondern auch eine Lösung für den wenig versierten Nutzer entwickelt zu haben. Der „einfachste Server der Welt“ – obwohl nicht ohne Fehler – zeigte auf, dass eine Abkehr von Google, Dropbox und Co. nicht gleichbedeutend ist mit dem Abknöpfen des Internets.

Auch wenn bereits in vielen Medien über die Insolvenz von Protonet geschrieben wurde, so wurde bisher wenig über die Ursachen des Misserfolgs bekannt. Man spricht vom Absprung eines wichtigsten Investors und dass man es nicht geschafft hat, dauerhaft schwarze Zahlen zu schreiben. Das Protonet in finanzielle Schieflage geraten ist, ist bei einer Insolvenz selbstverständlich, warum dieser Schritt aber gerade jetzt erfolgt, wird nicht klar.

In diesem Artikel möchten mir versuchen das Geschäftsmodell von Protonet mit seinen Stärken und Schwächen etwas näher zu beschreiben, um für den interessierten Leser ein paar Hintergründe zu liefern. Auch für andere Startups und Unternehmen ist Protonet interessant, da Protonet auch viele Dinge sehr gut gemacht hat und in vielerlei Hinsicht als Vorbild zu betrachten ist.

Die Stärken von Protonet

Erfolg sorgt bekanntlich für Neider. Nicht anders war und ist es bei Protonet. Die teilweise bissigen Kommentare unter den Artikeln zur Involvenz von Protonet zeigen, dass Protonet durchaus ein umstrittenes Unternehmen ist. Bei Gründerszene bezeichnet ein Kommentator Protonet als eine „reine Selbstdarstellung des Gründers“. Bei Heise kritisiert man, die Datensammelwut der Protonet-Webseite, die im Widerspruch zu der Außendarstellung des Unternehmens steht.

Offensichtlich kann man an Protonet vieles kritisieren. Zunächst einmal muss man Protonet aber Respekt für das zollen, was das Unternehmen innerhalb kürzester Zeit erreicht hat. Offensichtlich hat es vieles richtig gemacht und konnte sich so in kürzester Zeit einen Ruf und einen Bekanntheitsgrad erarbeiten, der wohl der Mehrheit der deutschen Startups verwehrt bleibt. Die folgende Liste zeigt die aus unserer Sicht wichtigsten Stärken von Protonet auf.

Stärke 1: Charismatischer Geschäftsführer

Ali Jelveh ist das Gesicht von Protonet. Der gebürtige Iraner verkörpert mit seiner persönlichen Geschichte auf überzeugende Art und Weise die Idee hinter der privaten Cloud von Protonet. Als charismatischer Frontkämpfer für die digitale Datenhoheit ist er omnipräsent in den relevanten Medien und weckt Vertrauen und Sympathien bei den Kunden, Investoren und Interessenten. Das Magazin brand eins verglich ihn in dem Artikel Danke, NSA! aus dem Jahre 2015 sogar mit Steve Job, dem Apple-Gründer und Übervater, da beide es verstehen, durch ihre Reden und Präsentationen eine euphorische Fangemeinde aufzubauen.

Der Geschäftsführer und Gründer Ali Jelveh hat somit geschafft, was viele andere Unternehmen gerne geschafft hätten. Er hat Käufer zu Fans gemacht, die dem Unternehmen treu folgend Fehler verzeihen und den Bekanntheitsgrad des Unternehmens stetig wachsen lassen.

Stärke 2: solide Kapitalausstattung

Die Entwicklung eines komplexen IT-Produktes und der Aufbau einer Marke ist eine kostspielige Angelegenheit. Während andere Unternehmen Probleme mit der Anfangsfinanzierung haben, konnte Protonet aus dem vollen schöpfen. Von Investoren und in drei Crowdfunding-Runden wurden Millionen eingesammelt und so ein solides Anfangskapital aufgebracht, mit dem man das Produkt solide entwickeln konnte.

Wichtig war dabei nicht nur das finanzielle Anfangskapital, sondern auch der Vertrauensvorschuss, der von den Investoren gegeben wurde. Protonet hatte bereits die ersten tausend Server verkauft, bevor die Kampagne überhaupt zu Ende war.

Stärke 3: großer Bekanntheitsgrad

Die dritte Stärke resultiert zwangsläufig aus den ersten beiden Gründen. Dem Weltrekord von Protonet folgten unzählige Veröffentlichungen in Blogs, Zeitschriften und Zeitungen. Wer ein bisschen die technischen Nachrichten oder Entwicklungen im Bereich Crowdfunding verfolgte, konnte den Namen Protonet nicht übersehen.

Andere Unternehmen investieren Unsummen für Pressearbeit und Werbung und erhalten nicht ansatzweise so viel mediale Aufmerksamkeit. Ali Jelveh hat es geschafft, innerhalb kürzester Zeit eine Mediendurchdringung zu erreichen, vor der man nur respektvoll den Hut ziehen kann.

Stärke 4: unverwechselbares Design

Es gibt Marken und Logos, die benötigen keine Erklärung. Dazu zählen beispielsweise ein magentafarbenes T, ein blauer Kasten mit einem Querstrich von links unten nach rechts oben oder ein angebissener Apfel. Jedem Deutschen sind die Logos von Telekom, Deutscher Bank und Apple vertraut und man kennt die dazugehörigen Firmen und Ihre Angebote.

Protonets Logo und Markenzeichen ist die orange-farbene Raute. Die orangene Farbe findet sich in der Gehäusefarbe der Server wieder; die Rautenform in der kleinsten Serverversion Maya. Die konsequente Nutzung dieser eindeutigen Unternehmenssprache ist unglaublich mächtig und bietet einen Wiedererkennungswert, von dem viele Unternehmen nur träumen. Die orange-farbenen Serverboxen haben sich auch als unschlagbares Marketinginstrument herausgestellt. Sie machten es möglich, ein abstraktes Konzept wie „Datenhoheit“ mit attraktiven Bildern zu versehen. Wer hätte vor Protonet geglaubt, dass ein Server auch sexy sein kann?

Dieses Konzept hat Protonet bei seiner Software SOUL fortgesetzt. Die gesamte Oberfläche ist aus einem Guss, die Corporate Identity von Protonet eindeutig.

Natürlich ist Protonet weit davon entfernt, einen Bekanntheitsgrad wie Apple, Telekom oder der Deutschen Bank zu haben. Trotzdem ist das Logo, die CI und die gesamte Bildsprache äußerst professionell und liefert einen hohen Wiedererkennungswert.

Die Schwächen von Protonet

Ausgestattet mit so vielen Stärken, scheinen bei Protonet auch einige substanzielle Management-Fehler begangen worden zu sein. Die Insolvenz wäre sonst wohl nicht die Folge gewesen. Aus unserer Position als externe Beobachter – und auch Bewunderer – scheinen bei Protonet die folgenden Schwächen vorhanden gewesen zu sein.

Schwäche 1: hohe Cash Burn-Rate

Der Jahresrückblick 2015 von Protonet liefert eine Erklärung für die hohen Fixkosten, die Protonet hat. In 2015 beschäftigte Protonet 40 Mitarbeiter, arbeitete in repräsentativen Büroräumen in Hamburg Altona, hatte große und durchgestylte Messeauftritte bei der CeBIT und der re:publica. Selbst wenn Protonet nur niedrige Gehälter von z.B. 50.000 € pro Jahr und Mitarbeiter bezahlt, benötigt Protonet zwei Millionen Euro pro Jahr nur für die Mitarbeitergehälter.

Ein weiterer kostentreibender Faktor ist mit Sicherheit die Montage der Server in den eigenen Büroräumen. Für die Fertigung der Server werden Werkzeuge, Material und Lagermöglichkeiten benötigt. All das bindet Kapital und erhöhte die laufenden Kosten – insbesondere wenn größere Stückzahlen vorrätig gehalten werden. Der rapide Wertverlust bei Computerhardware ist dabei noch gar nicht erwähnt.

Schwäche 2: vollständige Eigenentwicklung

Das soziale Betriebssystem Protonet Soul ist das Herz der Protonet Server – und es ist eine Eigenentwicklung von Protonet. Wer es mal genutzt hat, weiß, dass es ein eindrückliches Stück Software ist. Es macht Spaß durch seine schicke Optik, seine gute Usability und seine interessanten Funktionen. So schön und individuell Eigenentwicklungen sind, sie bedeuten einen riesigen Aufwand für die Programmierung und Administration. Ist die Software-Entwicklung schon für eine einzelne Plattform eine enorme Arbeit, so steigt bei mehreren Plattformen die Komplexität und damit der Aufwand schnell überproportional. Bei Protonet waren dies neben der Serverlösung auch mobile Apps für Android und iPhone. Erschwerend kam bei Protonet hinzu, dass Nutzer einige Funktionalitäten ohne weiteres mit etablierten Standardlösungen vergleichen konnten. Beim Thema File Sharing mit Dropbox oder Seafile konkurrieren zu können, ist praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Da kann man als Software-Entwickler praktisch nur verlieren.

Ich wage zu behaupten, dass Protonet Ende 2015 das Problem erkannt und versucht hat gegenzusteuern. Die Partnerschaft mit dem CRM-Spezialisten Wice oder der Versuch des Aufbaus eines App-Stores zeigen den Versuch, den Funktionsumfang von Protonet SOUL ohne eigene Entwicklung zu vergrößern bzw. die Entwicklung zu beschleunigen. Dies war natürlich eine schwierige Gratwanderung, weil dafür entsprechende APIs oder Schnittstellen geschaffen werden mussten und natürlich die Gefahr aufkam, dass durch fremde Software der einheitliche Eindruck von Protonet SOUL verloren geht.

Schwäche 3: Fokusierung auf Kollaboration

Protonet wollte den einfachsten Server der Welt verkaufen. Maya, Carla und Calita wurden als Kollaborationsplattformen mit den Funktionen Kommunikation, Dateien, Aufgaben, Termine und Notizen verkauft. Die Einrichtung wurde bewusst so konzipiert, dass Sie vom Kunden selbst erledigt werden konnte.

Durch diesen Do It Yourself Ansatz konnte Protonet aus unserer Sicht schlecht sein Geschäftsfeld ausweiten. Protonet wurde nicht als IT-Beratung oder als Implementierungspartner gesehen. Hinzu kommt die Reduzierung der Einnahmequelle auf den Verkauf der Geräte. Während viele Cloud-Anbieter oder Konkurrenten auf günstige oder kostenlose Einstiegspreise und dann hohe monatliche Kosten setzen, musste Protonet immer wieder den hohen Kaufpreis rechtfertigen.

Wir können keinen Beweis dafür liefern, dass Protonet mit einem breiteren Portfolio oder einer stärkeren Fokussierung auf Dienstleistung erfolgreicher gewesen wäre. Unsere Erfahrung als IT-Berater zeigt uns jedoch täglich, dass gerade die Kunden, die keinen eigenen IT-Administrator haben, dankbar dafür sind, wenn Ihnen ganzheitlich geholfen wird. Dies bedeutet, dass ein neuer Server in die existierende IT-Struktur eingebaut werden muss, Daten müssen ggf. migriert, Mitarbeiter geschult und Prozesse angepasst werden.

Schwäche 4: Kritik an der Sicherheit

Protonet wiederholte Mantra-artig die Argumente Einfachheit und Sicherheit. Wie man weiß, ist es in der schnelllebigen IT-Welt jedoch unglaublich schwierig, diese beiden Aspekte in Einklang zu bringen. Selbst Weltkonzerne wie Microsoft, Apple oder Cisco stolpern immer wieder über einen der beiden Aspekte.

So kam auch Protonet bei diesem Zielkonflikt unter die Räder: Im Dezember 2013 berichtete t3n in einem Artikel , dass zur Steigerung des Komforts Abstriche bei der Sicherheit gemacht wurden. Der Vorwurf: Obwohl Protonet absolute Datenhoheit versprach, werden Daten über die Server von Protonet geroutet.

Es ist nicht klar, inwieweit dieser Artikel Auswirkungen auf die Verkaufszahlen hatte. Wahrscheinlich kann sogar Ali Jelveh nicht genau sagen, inwieweit die folgenden Berichte dem Image und dem Verkauf schadeten. Es ist jedoch nie ratsam, etwas zu versprechen, wenn man es nicht halten kann.

Schwäche 5: hohe Einstiegshürde

Obwohl die meisten Unternehmen wissen, dass die eigenen Unternehmensdaten und die Datenhoheit ein wichtiges Gut sind, ist in der Realität die Zahlungsbereitschaft für IT Infrastrukturen eher gering. In Zeiten von Google, Dropbox und vielen anderen Cloud-Diensten, die mit günstigen Einstiegsangeboten locken, ist die Zahlungsbereitschaft für Server- und Cloud-Dienste aus unserer Erfahrung massiv gesunken.

Protonet hätte zu einem Massenprodukt werden müssen, um über die Verkaufserlöse der Server die hohen Fixkosten abdecken zu können. Aufgrund des hohen Kaufpreises und der fokussierten Funktionen war es sicher schwer, die nötigen Stückzahlen zu erreichen. Selbst wenn Protonet durchschnittlich 500 Euro pro Server Gewinn erzielt hätte, hätte Protonet mindestens 4.000 Server pro Jahr verkaufen müssen, um überhaupt die angenommenen Mitarbeitergehälter bezahlen zu können.

Fazit

Protonet ist beim Versuch den leichtesten und sichersten Server der Welt zu produzieren leider gescheitert. Am Ende konnte Protonet wahrscheinlich nicht die nötigen Stückzahlen absetzen, um die hohen Fixkosten tragen zu können. Welche der genannten Schwächen am Ende eine größere Verkaufsreichweite verhindert hat, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Auf jeden Fall verliert die deutsche Crowdfunding und Startup-Szene eines ihrer wichtigsten Aushängeschilder. Wir von ionas glauben jedoch auch nach der Insolvenzankündigung von Protonet fest an die Idee einer privaten Cloud. Gerade in diesen turbulenten Zeiten mit dauerhafter Überwachung unseres Datenverkehrs ist das Thema aktuell wie nie zuvor. Wir danken Protonet und besonders Ali Jelveh für seine intensive Arbeit an diesem Thema. Wir wünschen ihm und seinem Team viel Erfolg für die Zukunft und sind gespannt auf das nächste Projekt.


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